Tatorte – wo wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

Die meisten Menschen denken

  • “Ich kenne niemanden, der so etwas tut!”      oder
  • “Man kann sein Kind ja nicht mal mehr auf die Straße lassen!”

Beide Einstellungen sind falsch!

Obwohl auch heute noch Kinder vor allem davor gewarnt werden,

  • nicht mit “Fremden” mitzugehen
  • von keinem “Fremden” etwas anzunehmen
  • sich nicht “im Dunkeln” auf der Straße aufzuhalten usw.

weiß man aber heute, dass 96% aller Opfer von Menschen sexuell missbraucht werden, die ihnen vorher bekannt sind. Deshalb sind sie weniger durch “Unbekannte” und an fremden Orten gefährdet, sondern vielmehr

  • in der Familie
  • in Institutionen (Schule, Kita, Sportverein, Kirche usw.)
  • in (therapeutischen) (Wohn-)Einrichtungen

Viele Täter bauen systematisch eine Beziehung zu dem Mädchen oder dem Jungen auf, das sie missbrauchen wollen. Sie bieten sich als “Kumpels” an zu Eisessen, Fußballspielen, ins Kino oder auf den Rummel gehen usw.

  • Sprechen Sie also mit Ihrem Kind darüber, wo es sich aufhält und mit wem es die Freizeit verbringt. Warnen Sie nicht vor Fremden, denn der Täter ist (dem Kind) nicht fremd.
  • Seien Sie aufmerksam, wenn ein Erwachsener mit Ihrem Kind immer wieder Freizeit verbringen will und fragen Sie ihn und das Kind danach.
  • Achten Sie auf Geschenke, deren Herkunft Sie nicht kennen (Kleidung, CDs, PC-Spiele, Geld, Kinokarten etc.)
  • Wenn Ihr Kind von einem “älteren Kumpel” im Park spricht, den er immer wieder zum Fußballspielen trifft, sollten Sie diesen Menschen kennen lernen, ihn nach seinen Motiven fragen und gleichzeitig Ihr Kind auf mögliche sexuelle übergriffe ansprechen bzw. vorbereiten. Wenn Sie den Kontakt verbieten, wird das Kind u.U. heimlich zu dem Treffen gehen und nicht verstehen, worüber Sie sich sorgen.
  • Sprechen Sie über sexualisierte Gewalt und wie man sich als Kind verhalten kann.

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Doch nicht bei uns …  sexualisierte Gewalt in der Familie

So unfassbar es scheint, Für viele Mädchen und Jungen ist es Wirklichkeit: Sie werden vom Vater, vom Großvater, Onkel, Bruder, vom guten Freund, der “Praktisch zur Familie” gehört, manchmal von der Mutter oder Tante sexuell missbraucht, von Menschen, denen sie vertrauen, die sie lieben, von denen sie existentiell abhängig sind. Dort, wo sie ganz besonders Geborgenheit und Sicherheit erhalten sollten, in den eigenen vier Wänden, in ihrem Kinderzimmer, im Bad oder im Bett sind sie der Gewalt ausgeliefert.

Für viele betroffene Mädchen und Jungen beginnt der sexuelle Missbrauch durch Familienangehörige besonders früh, manchmal schon im Säuglings- und Kleinkindalter. Der Täter versteckt die übergriffe oft im Spiel , in der Pflege oder in körperlichen Untersuchungen. Er fädelt solche “Spiele” so raffiniert ein,  das Kind vollkommen verwirrt ist, an der eigenen Wahrnehmung zweifelt und schweigend leidet.

Gerade ein Familienangehöriger hat viele Möglichkeiten, sich das Schweigen des Mädchens oder Jungen zu sichern, indem er die Liebe und Abhängigkeit ausnutzt. Er kennt alle Vorlieben, Schwächen und Bedürfnisse des Kindes und kann damit erpressen. Zum Beispiel: “Wenn Du was sagst, komme ich ins Gefängnis, Deine Geschwister und Du, ihr kommt ins Heim, dann müssen wir Deinen Hund einschläfern lassen, die Mama ist allein und hat kein Geld und Du bist schuld!”

Diese Vorstellung ist unerträglich Für ein Kind und so suchen Mädchen und Jungen oft die Schuld bei sich selbst oder glauben gezwungenermaßen den Ausreden der Täter. Hinzu kommt,  sie sich verantwortlich fühlen Für den Zusammenhalt der Familie, das Wohlergehen der Eltern und Geschwister, eine erträgliche Atmosphäre in der Familie. Sie schweigen, weil sie glauben, es sei ihre Schuld, wenn die Familie auseinander bricht. Viele ertragen die sexualisierte Gewalt auch, weil sie hoffen, damit jüngere Geschwister vor sexuellen übergriffen zu schützen.

Liebe Mütter , vielleicht sagen Sie jetzt ganz spontan: “Und die Mutter? Die muss doch wissen, wenn so etwas in der Familie passiert. Ich würde es jedenfalls sofort merken.” Schnell gesagt, aber versetzen wir uns einmal in die Lage einer Mutter, deren Mann das eigene Kind missbraucht: Der Täter weiß,  es Für ihn gefährlich wird, wenn sich das Mädchen oder der Junge der Mutter anvertraut. Also versucht er systematisch, einen Keil zwischen Mutter und Kind zu treiben, indem er beispielsweise sagt:

“Die Mama hat Dich nicht lieb, Du hast nur mich. Sie wird Dir sehr böse sein, wenn Du was sagst. Sie glaubt Dir nicht oder denkt, Du bis schlecht und verlogen.” Oder: “Die Mama wird sehr traurig sein, wenn sie das erfährt. Sie wird weinen, vielleicht wird sie krank und stirbt.”

Also versucht das Kind, die Mutter nichts merken zu lassen, um ihr Kummer zu ersparen. Vielleicht spürt sie,  mit der Tochter oder dem Sohn etwas nicht stimmt,  sie/er bedrückt ist, sich vor ihr verschließt. Aber die Möglichkeit einer sexualisierten Gewalt – gar in der eigenen Familie – kommt ihr nicht in den Sinn. Mag sein, das Kind ist in einer Trotzphase, hat Entwicklungsstörungen, so erklärt sie sich dieses Verhalten. Wer denkt schon daran,  ein geliebter und vertrauter Mensch, den man in- und auswendig zu kennen glaubt, dem Kind so etwas Schreckliches antut? Selbst wenn Mütter den Missbrauch erahnen oder davon erfahren, ist der Gedanke so unfassbar,  sie es oft nicht glauben können. Eine Mutter in dieser Situation befindet sich in einem Schockzustand, sie ist im höchsten Grade verletzt und betrogen. Sie braucht sehr viel Unterstützung und Rückenstärkung, um diese Kränkung zu überwinden und der Verantwortung, die sie Für ihr Kind hat, gerecht zu werden.

Die Tatsache,  man als Mutter vielleicht nicht merkt, wenn ein Familienangehöriger missbraucht, macht unsicher. Am liebsten möchte man sofort sagen: “Ach Unsinn, bei uns kommt so etwas jedenfalls nicht vor!” Oft stimmt das auch, aber es kann auch anders sein. Das heißt nicht,  Sie als Mutter jetzt ständig Ihrem Mann, Vater oder Bruder Misstrauen entgegenbringen müssten. Vertrauen ist in einer Familie, in einer Partnerschaft unentbehrlich.

Aber vertrauen Sie auch sich selbst, folgen Sie Ihrem Gefühl, wenn Sie glauben, irgendetwas stimmt nicht. Lassen Sie sich von niemandem Ihre eigene Wahrnehmung ausreden, glauben Sie nicht blind demjenigen, der Ihnen vielleicht sagt, Sie seien hysterisch, Sie bildeten sich etwas ein. Wenn der vertrauensvolle Kontakt zu Ihrem Kind sich so verschlechtert,  Sie sich dabei unwohl fühlen, muss die Ursache nicht sexualisierte Gewalt sein, vielleicht hat Ihr Kind auch anderen Kummer.

  • Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle, sprechen Sie darüber, Sie haben ein Recht auf Unterstützung und Hilfe.

Liebe Väter, vielleicht fühlen Sie sich als Vater in der Auseinandersetzung mit der Problematik der sexualisierten Gewalt unwohl, regelrecht angegriffen oder ffürchten, von Frauen in Ihrer Umgebung argwöhnisch beobachtet zu werden. Mag sein, Sie sind auch unsicher, wie Sie mit Mädchen und Jungen umgehen sollen. Viele Väter werden sich fragen: “Darf ich genau wie bisher mit meiner Tochter baden?!” “Ist es richtig, mit meinem kleinen Sohn zu schmusen?!” “Wird es am Ende falsch verstanden, wenn ich mich viel mit meinen Kindern beschäftige?”

Diese Unsicherheiten sind verständlich, sie sollten allerdings nicht dazu führen,  Väter den liebevollen und Für sorglichen Kontakt mit ihren Töchtern und Söhnen einschränken oder sich gar aus der Erziehung der Kinder heraushalten. Oft wirken sich solche Unsicherheiten sogar sehr positiv aus, weil sie zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Problem führen.

Es ist wichtig und richtig,  Sie sich von der Geburt Ihres Kindes an genauso wie die Mutter an der Pflege und Für sorge beteiligen und es mit väterlicher Zärtlichkeit und Liebe umsorgen. Ja, schon vor der Geburt sollten Sie sich aktiv auf Ihre Rolle als Vater vorbereiten. Abgesehen davon,  die Beschäftigung mit Kindern eine Bereicherung ist, lernen Sie so die Bedürfnisse und Befindlichkeiten Ihrer Töchter und Söhne von Anfang an richtig kennen. Dies hilft Ihnen auch zu erkennen und damit umzugehen, wenn Ihr Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist.

  • Im Körperkontakt mit einem Mädchen oder Jungen gilt Für Sie als Vater das gleiche wie Für alle Erwachsenen: Achten Sie genau auf Ihre eigenen Empfindungen und auf die Reaktionen des Kindes. Das heißt:

Wenn es Ihnen beispielsweise komisch ist, mit Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn zu baden, weil Sie sexuelle Gefühle befürchten oder spüren, sollten Sie Für sich selbst und damit auch Für Ihr Kind die Grenze ziehen. Die Verantwortung liegt bei Ihnen. Falls Sie schon einmal die Erfahrung gemacht haben, sich zu Kindern sexuell hingezogen zu fühlen, können und müssen Sie verantwortlich handeln. Sie sollten wissen,  Sie Mädchen und Jungen mit solchen Gefühlen auf jeden Fall schaden. In diesem Fall sollten Sie unbedingt fachliche Hilfe bei einer Beratungsstelle einholen. Auf die Reaktionen des Kindes achten bedeutet: Akzeptieren Sie sofort, wenn das Mädchen oder der Junge bei einem körperlichen Kontakt Unbehagen oder Abwehr äußert. Viele Kinder tun dies nicht lautstark, sondern zurück haltend, denn sie wollen den Erwachsenen nicht vor den Kopf stoßen. Deshalb sollten Sie auch auf kleinste Zeichen, wie Abwenden, das Gesicht verziehen, den Körper steif machen u.a Rücksicht nehmen. Ihre Tochter oder Ihr Sohn kann sich leichter äußern, wenn Sie von Anfang an ein offenes partnerschaftliches Verhältnis fördern, in dem das Kind alle Gefühle zeigen kann, ohne befürchten zu müssen,  Sie enttäuscht oder ungehalten sind.

Für einen verantwortungsbewussten Vater ist es unerlässlich,  er seine Rolle als Mann überdenkt, indem er das Gespräch mit anderen Männern und die aktive Auseinandersetzung mit Frauen sucht. Wenn Sie zudem die Gefühlsäußerungen der Kinder akzeptieren – auch wenn dies manchmal anstrengend ist – und ein gleichberechtigtes und partnerschaftliches Verhältnis zu Frauen, Mädchen und Jungen, innerhalb und außerhalb der Familie pflegen, leisten Sie Ihren notwendigen Beitrage zur Vorbeugung gegen sexuelle Gewalt.

Ein besonders schwerwiegendes Problem: Wenn durch sexualisierte Gewalt in der Familie Mädchen schwanger werden. Lesen Sie hierzu die folgende Seite über Inzestkinder.

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Sexualisierte Gewalt außerhalb der Familie und in Institutionen

Sexualisierte Gewalt von Kindern außerhalb des engeren Familienkreises kann sich auf verschiedene Personengruppen beziehen: zum einen sind es Kontakte und sexuelle übergriffe durch dem Kind vertraute Personen aus dem Freundeskreis der Familie, aus der Nachbarschaft, in Vereinen und Jugendgruppen; zum anderen können es Fremde sein, die sich den Kindern und Jugendlichen nähern. Da hier die emotionalen Bindungen zwischen Täter und Opfer nicht so eng sind wie innerhalb der Familie oder in anderen vertrauten Beziehungen, gelangen diese Fälle eher zur Anzeige und tauchen bevorzugt in der Kriminalstatistik auf. So gibt es auch immer wieder Vergewaltigungen und sexuelle Misshandlungen von Kindern durch den “fremden Onkel im Park”; es geschieht jedoch sehr viel seltener als es im öffentlichen Bewusstsein erscheint.

Bei sexuellem Missbrauch durch Personen außerhalb der Familie sind hinsichtlich der Beziehungsdynamik zwischen Täter und Opfer und damit auch der Folgewirkungen verschiedene Formen zu unterscheiden. Vermutlich weniger traumatisch, wenn auch sicher abstoßend und ängstigend, sind Begegnungen mit Exhibitionisten, vor allem wenn sie nur einmalig sind und wenn die Kinder sich mit den Eltern oder anderen erwachsenen Personen ihres Vertrauens darüber aussprechen können. Ebenfalls nicht notwendig zu längerfristigen Schädigungen führen flüchtige oder nur vorsichtige sexuelle Kontakte zu Pädophilen; diese haben mit ihren Forderungen nach Freigabe von sexuellen Beziehungen zu Kindern in den letzten Jahren viel auf sich aufmerksam gemacht. Die Neigung pädophiler Männer wird fälschlicherweise häufig allein mit dem Missbrauch von Jungen in Verbindung gebracht. Pädophile Regungen gibt es aber auch bei Frauen, und sie können sich sowohl auf Jungen wie auch auf Mädchen beziehen.

Da pädophile Beziehungen von Erwachsenen zu nicht-verwandten Kindern eher angezeigt und auch strafrechtlich verfolgt werden als sexualisierte Gewalt in der Familie, ist in der Öffentlichkeit oft der Eindruck entstanden, als sei die Pädophilie das zentrale Problem dieser Thematik.

Spektakulär sind die bekannt gewordenen Fälle pädophilen Missbrauchs auch, weil sie in der Regel gleich mehrere Kinder betreffen, die bei den Tätern persönliche Zuwendung und Zärtlichkeit gesucht oder sich ein zusätzliches Taschengeld verdient haben. Je nach den Begleitumständen können auch solche Erfahrungen unangenehme und traumatische Auswirkungen haben; dennoch Für die jeweils Betroffenen repräsentiert der extrafamiliäre Missbrauch von Kindern in Form pädophiler Annäherung von Erwachsenen an Kinder im öffentlichen Raum alles in allem den geringsten Teil des gesellschaftlichen Problems sexuellen Missbrauchs.

Länger und andauernder Missbrauch durch Personen außerhalb der Familie, der mit vergleichbaren emotionalen Verstrickungen zwischen Täter und Opfer einhergeht wie der Missbrauch durch verwandte oder dem Kind nahe stehende Menschen, hat jedoch auch ähnliche Auswirkungen wie dieser.

Sexuelle Handlungen mit Kindern können auch bei Pädagogen auftreten, die sich derartig mit den Kindern identifizieren, dass sie die Erzieher- oder Lehrerrolle aufgeben und versuchen, ein gleichwertiges Mitglied der (kindlichen) Peergruppe zu werden. Dadurch verlieren sie ihre Verantwortlichkeit Für das Wohl der Kinder aus dem Blick. Zunächst vielleicht unbewusste pädophile Neigungen können insofern dazu führen, dass gerade solche Berufe gewählt werden, in denen der Umgang mit Kindern um Mittelpunkt steht.

Sexualisierte Gewalt an Schulen ist seit einigen Jahren schon wiederholt in den Medien thematisiert worden. Zur Anzeige gelangte Fälle gaben den Anlass Für publikumswirksame Artikel in Zeitschriften. Das Vorkommen sexuellen Missbrauchs in Heimen und Pflegefamilien ist bislang noch kaum untersucht worden. Dennoch handelt es sich hierbei keineswegs nur um Einzelfälle, und die Problematik ist den im Jugendhilfebereich Arbeitenden sehr wohl bekannt.

In der Regel geht die Initiative – wie bei jedem Missbrauch – vom Erwachsenen aus; zum anderen haben gerade bereits innerhalb der Herkunftsfamilie sexuell Missbrauchte Kinder und Jugendliche häufig Verhaltensweisen gelernt, die von Erwachsenen als Herausforderung und Aufforderung zu sexuellen Handlungen verstanden werden können. Dies führt dazu, dass sexuell Missbrauchte Kinder ihre Erfahrungen immer wieder schmerzvoll wiederholen, weil Sexualität Für sie das einzige Mittel geworden ist, sich körperliche Zuwendung und Zuneigung zu sichern. Allerdings rufen diese Kinder und Jugendlichen durch ihr provozierendes Verhalten häufig auch Abneigung bei Erziehern und anderen Bezugspersonen hervor, so dass nicht mehr nach den Ursachen ihres Verhaltens gefragt wird: sie bleiben so weiterem Missbrauch ausgesetzt, ohne den notwendigen, erhofften Halt und Schutz zu finden. (aus: Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen; eine Informationsbroschüre der Senatsverwaltung Für Jugend und Familie, Berlin 1992)