Selbstverletzendes Verhalten als mögliche Folge sexualisierter Gewalt

„Der Kontakt mit der Umgebung bricht irgendwie ab. Es ist, als ob ich aus der Wirklichkeit herausrutschte. Der Zustand ist furchtbar. Ich habe Angst ich könnte wahnsinnig werden. Ich schlage mich, bis die Haut ganz rot ist. Ich dusche so heiß, dass ich mich fast verbrenne. Aber ich spüre nichts. Dann kommt der starke Drang, mir wehzutun. Ich schneide mich und lasse das Blut ganz lange über die Haut laufen. Das rote, warme Blut gibt mir ein Gefühl von Entspannung und Geborgenheit. Dann fühle ich auch wieder den Schmerz. Erst dann habe ich wieder das Gefühl, ich bin wieder in mir drin“ (Eckhardt, 117).

Grundsätzlich kann Selbstverletzendes Verhalten (abgekürzt SVV) Menschen in (sozial-)pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern begegnen, die Formen der Selbstverletzung können sehr vielfältig sein. Leider nehmen viele Professionelle sie nicht immer wahr, verharmlosen sie, werten sie ab oder stehen ihnen hilflos gegenüber. Menschen, die Selbstverletzungen ausüben, stoßen zum großen Teil immer noch auf großes Unverständnis im sozialen und professionellen Umfeld. Die starken Emotionen, die durch die Konfrontation mit Selbstverletzendem Verhalten ausgelöst werden können, sind Ekel, Ablehnung, Fassungslosigkeit, Wut, Hilflosigkeit usw.. Dadurch kann Selbstverletzendes Verhalten verstärkt werden, weil die negative Reaktion unbewusste Bestrafungswünsche der Betroffenen befriedigen (Eckhardt, 1994, 93).

Die Beiträge auf dieser Seite sollen die Erkenntnisse von Theorie und Praxis aus der Arbeit mit sich selbstverletzenden Menschen wiedergeben. Damit soll versucht werden zu zeigen, welche Ausdrucksformen Selbstverletzendes Verhalten annehmen kann und welche möglichen Ursachenkontexte erkannt wurden. Außerdem sollen Ansätze aus der (sozial-)pädagogischen und therapeutischen Arbeit aufgezeigt werden, die bei der Überwindung der Selbstverletzung hilfreich sein können. Der erste Beitrag wird also den Versuch darstellen, das Phänomen „Selbstverletzendes Verhalten“ aus theoretischer Sicht zu beschreiben. Im zweiten Beitrag wird uns eine von Selbstverletzendem Verhalten betroffene Frau dieses Phänomen aus ihrer persönlichen Sicht des Erlebens und Fühlens schildern. Damit soll dieses Phänomen in seinem individuellen Erleben und seiner Emotionalität transparenter für Außenstehende gemacht werden und nicht nur auf der beschreibenden (theoretischen) Ebene bleiben.

Selbstverletzendes Verhalten, so wird dieser Beitrag1 zeigen, ist ein Phänomen mit vielen (individuellen) Facetten und Ursachenzusammenhängen, das jedoch noch nicht als umfassend erforscht bezeichnet werden kann. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass biologische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren in wechselseitiger Verknüpfung eine Rolle bei der Ätiologie Selbstverletzenden Verhaltens spielen (Hänsli, 127).

I. Terminologien

Selbstverletzendes Verhalten ist kein neuzeitliches Phänomen, sondern wurde schon von Sigmund Freud beschrieben (Freud, 1923 und 1924). Die Verwendung einer einheitlichen Terminologie ist bisher in Fachkreisen nicht gelungen und dadurch stiftet die Zuordnung bestimmter Verhaltensweisen zu genau definierten Symptomen immer wieder Verwirrung, weil sie zu individuell vorgenommen wird. Zudem relativiert sich teilweise die Aussagekraft von Untersuchungen zu dieser Thematik. Selbstverletzendes Verhalten wird aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben und definiert und schon darin werden die Unterschiede erkennbar. Dermatologen sprechen z.B. von „Kutanen Artefakten“ (Gieler & Effendy & Stangier, 1987), „Para-Artefakten“ oder „Dermatitis facticia“ (Janus, 1972; Gieler, 1992). In der psychiatrischen und psychologischen Literatur werden folgende Begriffe verwendet: „Autoaggressionen“ (Möller & Praag), „Selbstverstümmelnde Verhaltensweisen“ (DSM – III – R), „Selbst-destruktives Verhalten“ (Streeck – Fischer), „(offene) Selbstbeschädigung“ (Herpertz & Saß, Holitzner, Paar, Hirsch, Eckhard & Hoffmann), „Automutilation“ (v. Törne, Resch et al.),
„(offenes) Selbstverletzendes Verhalten“ (Brezowsky, Wewetzer & Friese & Warnke, Herpertz, Resch & Karwautz & Schuch & Lang, Sachsse, Tameling). Sachsse präferiert die Bezeichnung „Selbstverletzendes Verhalten“ und begründet: “Damit ist eine deskriptive, emotional nicht befrachtete Benennung möglich” (Sachsse, 1995a, 32).

Selbstverletzendes Verhalten ist eine Form der Autoaggression und in verschiedenen Kontexten zu beobachten:

  • Suizidalität und deren Versuche

  • Kulturell gebilligte selbstverletzende Verhaltensweisen (Genitalbeschneidungen, Schönheitsoperationen, Tätowierungen, Piercings etc.). Hierbei ist zu bedenken, dass diese vorgenommenen Verletzungen teilweise auf Freiwilligkeit beruhen.Beispiel hierfür sind Piercing, Tätowierungen und Schönheitsoperationen.

  • Indirekte Selbstschädigungen (vorgetäuschte Störungen um medizinische oder psychologische Aufmerksamkeit zu erzeugen)

  • Versteckte Formen der Selbstbeschädigung (heimliche körperliche Manipulationen, die Verletzungen/Krankheiten zur Folge haben)

  • Selbstverstümmelungen im Rahmen von schweren Psychosen und Schizophrenien, „epidemisch“ auftretende Selbstverletzungen in Heimen oder Psychiatrischen Stationen.

Die in diesem Beitrag näher beschriebenen Autoaggressionsformen werden von Doris Neppert wie folgt definiert: „Selbstverletzendes Verhalten liegt vor, wenn eine Person sich selber aktiv, direkt, bewusst oder unbewusst, wiederholt Verletzungen zufügt, die nicht zum, im jeweiligen Kulturkreis üblichen zählen und keine intendierte suizidale Wirkung haben“ (Neppert).

II. Prävalenz und Formen der Selbstverletzung

Eine 1985 in den USA durchgeführte schriftliche Umfrage zu der nach einer Fernsehsendung zu diesem Thema von einer Selbsthilfegruppe aufgerufen wurde. Sie ergab, dass 72 % der befragten Frauen angaben, dass sie sich in die Haut schnitten, 35 % fügten sich Verbrennungen zu, 30 % schlugen sich, 22 % verhinderten die Wundheilung, 22 % zerkratzten sich schwer die Haut, 10 % rissen sich Haare aus und 8 % brachen sich Knochen (Favazza & Conterio, 286)

Bevorzugte Körperteile sind Unterarme, Oberschenkel, Brust – und Bauchbereich, sowie das Gesicht. (Paar, 141), auch die Genitalien können betroffen sein (8% in einer Erhebung von Favazza & Conterio, 286). Der Zeitpunkt der ersten Selbstverletzung beginnt häufig in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter (Herpertz & Saß, 297, Favazza & Conterio, 284, Himber, 626; Sachsse, 1995a, 41). Selbstverletzungen treten meist mehrmalig auf (Herpertz & Saß, 299), teilweise nehmen Frequenz und Schweregrad der selbstbeschädigenden Aktionen im Laufe der Zeit zu (Resch et al., 257).

Favazza & Simeon unterscheiden bezüglich der Art und Häufigkeit der Selbstverletzungen in

  • eine kompulsive Form (wiederholt und ritualisiert, häufig am Tag, eher automatisch)

  • eine episodische Form (seltener, vor allem nach bestimmten belastenden Stresssituationen)

  • und eine repetitive Form (auch episodisch, aber sehr häufig und erfolgt als eine habituierte Reaktion auf internale oder externale Streßsituationen). (Favazza & Simeon, zit. n. Wewetzer et al., 9)

Verlässliche Zahlen über die Häufigkeit Selbstverletzendes Verhaltens liegen nicht vor. Favazza & Conterio schätzten die Prävalenz in der Gesamtbevölkerung auf 14 – 750 sich selbst verletzende Personen pro 100.000 EinwohnerInnen. In der Altersgruppe der 15 und 35 Jährigen tritt jedoch eine erhebliche Häufig der Fallzahlen auf. Nach Schätzungen von Favazza & Conterio beträgt sie 1.800 Menschen pro 100.000 EinwohnerInnen (Favazza & Conterio, 1989, 283). Detaillierte Zahlen siehe Neppert.

Selbstverletzendes Verhalten wird u.A. im Kontext mit psychiatrischen Diagnosen wie Essstörungen, Süchten, Depressionen, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Posttraumatischen Belastungsstörungen und Dissoziative Identitätsstörung (Multipler Persönlichkeitsstörungen) beschrieben4.

Formen Selbstverletzenden Verhaltens

  • schneiden mit scharfen Gegenständen wie z.B. Rasierklingen, Messern od. Ähnlichem
  • mit Scherben die Haut einritzen
  • Wiederholtes Kopfschlagen
  • Ins-Gesicht-schlagen
  • In-die-Augen-bohren
  • Beißen in Hände, Lippen oder andere Körperpartien
  • oberflächlichen Hautverletzungen
  • Verbrühungen
  • extremes Nägelkauen
  • Abbeißen von Fingerkuppen
  • exzessiver Sport
  • ungesunde Ernährung
  • Drogenexzesse
  • zuwenig Schlaf
  • chemische Substanzen oder Gegenstände schlucken
  • Spritzen v. Schmutzwasser
  • Extremes Tätowieren
  • Extremes Piercen
  • Haare ausreißen
  • Wundheilung verhindern usw. (vgl. http://www.beepworld.de/members7/mausi_88/svv.htm).
  • sich mit Zigaretten, Bügeleisen oder ähnlichem Verbrennungen zufügen

Bei Jungen müssen wir besonders auf Risikoverhalten achten, welches leider allzu häufig als „Mutprobe“ deklariert und interpretiert wird.

III. Verlaufsphasen der Selbstverletzung

Die Selbstverletzende Handlung kann idealtypisch in verschiedene Phasen eingeteilt werden (Neppert).

1. Der Auslöser für die Selbstverletzung

Laut Eckhardt ist der Auslöser der Selbstverletzung das Empfinden, dass der Körper nicht spannungsfrei funktioniere, Ansprüche stelle, Ärger mache. Sie führt dies auf eine Ablehnung des Körpers zurück (Eckhardt, 153). Aber auch andere, subjektiv durch die Selbstverletzerin empfundene, eigene Unzulänglichkeiten können Auslöser sein. Das können Übertretungen von Verboten oder zu geringe Anstrengung z.B. vor Prüfung sein (Janus, 24). Selbstverletzungshandlungen können auch den Versuch darstellen, auf zwiespältige, oft innerlich überwältigende Gefühle, wie Aggression oder Hassgefühle, die nicht verbal geäußert werden können, zu reagieren (ebd. 181; Wirtz, 156).

Weitere Auslöser können Trennungssituationen (Hirsch, 1993, 74; Eckhardt, 181; Holitzner, 328) und Therapieunterbrechungen sein (Eckhardt, 181). Auch wenn hochidealisierte Bezugspersonen (z.B. die TherapeutIn, FreundInnen) in den Augen der Patientin versagt haben, kann die Situation für die Patientin unkontrollierbar erscheinen und es kommt zur Selbstverletzung (Holitzner, 328). Ferner können körperliche Berührung und sexuelle Erregung Auslöser für Selbstverletzendes Verhalten sein (Sachsse, 1989b, 111).

2. Gefühle unmittelbar vor der Selbstverletzung

Es entsteht ein starker innerer Spannungszustand, der eine Art Rauschzustand annehmen kann. Die Kontrolle über Ich-Funktionen kann eingeschränkt sein oder gar verloren gehen (Eckhardt, 43). Der Spannungszustand kann sehr diffus erlebt werden und durch mangelnde Angst- und Frustrationsintoleranz oder Affektdifferenzierung hervorgerufen werden (Herpertz, 117). Zahlreiche AutorInnen berichten von Depersonalisations2 - und Derealisationserscheinungen3 unmittelbar vor einer Selbstverletzung (Hirsch, 1993, 4; Sachsse, 1995a, 43; Eckhardt, 116; Eckhardt & Hoffmann, 290 ff. ; Favazza & Conterio, 288).

Die selbstverletzende Handlung

Selbstverletzungshandlungen werden manchmal wie eine Art Ritual durchgeführt. So werden z.B. Gegenstände oder Instrumente, die für die Selbstverletzung verwendet werden, bereit gestellt. Die Handlungen werden teilweise nach festen Abläufen ausgeübt.

Selbstverletzendes Verhalten kann Schneiden, Brennen, Einstiche vornehmen, sich selbst Schlagen beinhalten, aber auch die Verhinderung von Wundheilung beinhalten u.v.a.m..

Schmerzempfindung während der Selbstverletzung

Die meisten betroffenen Frauen berichten von partieller oder totaler Schmerzunempfindlichkeit während der Verletzungshandlung. Eine Untersuchung zeigt, dass nur 10 % der sich selbst verletzenden Frauen starken Schmerz verspürten, 23 % berichteten von mäßigem, 38 % von leichtem und 29 % von gar keinem Schmerz (Favazza & Conterio, 286).

Sachsse äußert über das Schmerzempfinden seiner Selbstverletzungspatientinnen: “Das SVV schafft hier ein Grenzerleben und vermittelt ein Gefühl von Lebendigkeit. Die anästhetische Haut wird wieder spürbar. Der Schnitt selbst ist schmerzfrei, erst nachträglich stellt sich ein begrenztes Schmerzempfinden ein. Das warme, pulsierende Blut ist ein Zeichen inneren Lebens.” (Sachsse, 1995a, 43) Wirtz sieht in dieser Schmerzunempfindlichkeit eine überlebensstrategie bei sexuellem Missbrauch in der Kindheit. Betroffene Kinder haben eventuell gelernt, in den für sie unerträglichen Situationen mit dem Geist den Körper zu verlassen oder sich in einer Art Selbsthypnose völlig gefühllos zu machen. (Wirtz, 108)

Manche Frauen empfinden Schmerz, ertragen ihn aber mit einer Art Triumphgefühl, Sachsse nennt das den “masochistischen Triumph”. “Ich kann allerhand ab. Vor drei Jahren habe ich mir mal einen Schraubenzieher durch die Hand gerammt und bin so in die Chirurgie gefahren. Dem Chirurgen ist fast schlecht geworden. Anfänger! Er wollte mir sofort eine Leitungsanästhesie setzen, aber das habe ich abgelehnt. ‚Ohne Betäubung’ habe ich gesagt. Es hat höllisch wehgetan, aber ich hab keine Miene verzogen” (Sachsse, 1995a, 128).

Gefühle im Anschluss an die Selbstverletzung

Die unmittelbar nach der Verletzung empfundenen Gefühle der Frauen werden überwiegend als positive und rasche Entlastung, Spannungsminderung, einem ‚sich – geistig – wieder – klarer – fühlen’, sowie einer Hebung der Stimmungslage und des Selbstwertgefühls nach dem Akt der Selbstverletzung beschrieben (Herpertz & Saß, 300). Je größer der zeitliche Abstand zur selbstverletzenden Handlung ist, desto negativer wird die Handlung bewertet und es stellt sich bei vielen die Erkenntnis ein, dass es ihnen schlechter geht als vor der Handlung, weil sie sich schämen und Schuldgefühle und Trauer empfinden (Herpertz und Saß, 300).

Viele AutorInnen beschreiben, dass gerade der Anblick des Blutes eine beruhigende Wirkung für die Selbstverletzerinnen habe (Eckhardt, 156; Hirsch, 1989b, 16 ff. ; Favazza & Conterio, 286). “Meinen Körper habe ich, er ist immer da, er kann mich nicht verlassen! Wenn das Blut warm und rot über meine Haut rinnt und ich den Kontakt spüre, dann fühle ich mich gut, dann bin ich wieder in mir drin, dann spüre ich, dass ich lebendig bin” (zit. N. Eckhardt, 156).

Manche Frauen empfinden durch die Selbstverletzung Allmachtsgefühle und Stolz. Kernberg schreibt dazu: “Bei manchen Patienten mit Selbstschädigungstendenzen [ ..], beobachtet man manchmal eine wahre Lust und einen enormen Stolz über diese Macht der Selbstdestruktion, eine Art von Allmachtsgefühl und Stolz darüber, dass man nicht auf eine Befriedigung durch andere angewiesen ist” (Kernberg, 149).

Funktionen Selbstverletzenden Verhaltens für die Betroffenen

„Selbstverletzendes Verhalten erfüllt vielfältige Funktionen für die betroffenen Menschen, so stellt sie z.B. die interpersonale Inszenierung des eigenen Konflikts dar, dient der Beziehungsregulierung, ist Ausdruck von Wut, Frustration und Vergeltung, dient dem Erleben eines ‚masochistischen Triumphes’ oder dazu, das Familiensystem aufrechtzuerhalten; hat Appellfunktion oder führt zur Einnahme der Krankenrolle. Außerdem kann Selbstverletzendes Verhalten intrapersonal als Selbstschutzmechanismus, der narzisstischen Selbstwertregulation, zur Spannungsreduktion, als Suizidprophylaxe, zur Selbstbestrafung oder Selbstentlastung, zur Bekämpfung des seelischen Schmerzes, zur Wiedererlangung von Kontrolle oder als Partnerersatz dienen, kann als Antidepressivum und Antipsychotikum eingesetzt werden; hilft, sich der eigenen Körpergrenzen zu vergewissern; dient dazu, sich unattraktiv zu machen oder Traumata zu reinszenieren oder kann ein Selbstopferritual darstellen. Diese Funktionen müssen den Betroffenen jedoch nicht immer bewusst sein“ (Neppert)5.

Die individuelle Funktion für die einzelne Selbstverletzerin zu analysieren, ist in der Therapie in der Regel sehr förderlich (Hänsli, 128). Kenntnisse über die individuellen Funktionen des Symptoms kann Bezugspersonen helfen, sich in die betroffene Frauen hineinzuversetzen und hilfreich in der Interaktion und Kommunikation mit der Selbstverletzerin sein.

V. Theoriebildung über die Ursachen Selbstverletzenden Verhaltens

Unter lerntheoretischen Aspekten betrachtet wird deutlich, dass Selbstverletzendes Verhalten durch positive Verstärkung aufrechterhalten oder gefördert werden kann, wenn z.B. eine sich selbst verletzende Person durch ihr Verhalten Aufmerksamkeit bekommt (Bezugspersonen und medizinischem Personal reagieren oft mit Angst, Besorgnis, Mitleid und Zuwendung) und darin eine positive Verstärkung des Verhaltens gesehen wird, weil Nähe- und Versorgungsbedürfnisse erfüllt werden (Hänsli, 159; Herpertz & Saß, 302). Aber auch negative Verstärkung kann dieses Verhalten fördern, wenn die sich selbst verletzende Person dadurch eine für sie unangenehme Konsequenz oder Situation vermeiden oder ihr entgehen kann (sie muss dadurch z.B. nicht zur Schule gehen, entgeht Anforderungen und Kritik) (Hänsli, 161; Janus, 26f.). Selbstverletzendes Verhalten kann aber auch intern negativ verstärkt werden, wenn Angstträume, Halluzinationen, Depersonalisationen und Zwangsgedanken auftreten, denen die Person entgehen oder die sie beenden will (Hänsli, 161). Das wird auch als Selbstschutzmechanismus zur Abwehr unkontrollierbarer, überwältigender Affekte internpretiert (Herpertz, 118).

Erklärung von Selbstverletzendem Verhalten anhand des Modellernens, geben möglicherweise Erklärungen für das zeitweilig epidemische Auftreten von Selbstverletzendem Verhalten auf psychiatrischen Stationen oder in Heimen (Streeck – Fischer, 108; Tameling & Sachsse, 63). Hierbei wird bestimmtes Verhalten, Einstellungen, emotionale Reaktionen usw. von einer anderen Person übernommen. Diese Person dient als ‚Modell’ und kann real oder irreal sein (z.B. eine Comicfigur). Modellernen wird im Allgemeinen durch bestimmte Faktoren begünstigt wenn es sich um verstärkende Modellpersonen handelt, wenn man z.B. deren Liebesentzug und Strafmöglichkeit fürchtet, wenn deren Status höher ist oder erscheint z.B. im Hinblick auf Alter oder Geschlecht (Sieland & Siebert, 141).

Physiologische Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten gehen von der Annahme aus, dass Stoffwechselveränderungen bestimmter Stoffe und Hormone im Körper und in den Neurotransmittern (Bestandteil der Nervenzellen und Reizübertragung) gegenüber dem “Normalzustand” verändert seien und dadurch das Selbstverletzende Verhalten auslösen oder befördern können. Diese Erklärungsansätze sind jedoch sehr umstritten und im Rahmen dieses Beitrages nicht darstellbar.

Sozialpsychologische Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten wie der Deprivationsansatz beschreiben Isolation und/oder Entbehrung von Zuwendung in der Kindheit als mögliche Ursache Selbstverletzenden Verhaltens und sieht hierin insbesondere eine Entwicklungsstörung. Fehlt eine Bezugsperson oder wird ein Kind massiv vernachlässigt, entstehen schwere Verhaltensauffälligkeiten. Wird der Ausdruck aggressiver Impulse des Kindes unmöglich gemacht oder können nicht an der sozialen Umwelt ausagiert werden, so wird das Kind die Aggression als das einziges ihm verbleibendes Objekt gegen sich selbst richten (Spitz, 1959, 93). Bei Menschen, die selbstverletzende Verhaltensweisen zeigen, sind in der Kindheitsgeschichte oft deprivierende Bedingungen zu finden (Holitzner, 324; Favazza & Conterio, 282).

Psychoanalytische Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten

Einen überblick über die Vielzahl psychoanalytischer Erklärungsansätze für Selbstverletzendes Verhalten findet sich bei Hänsli (Hänsli, 163 ff.). Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Symptom Selbstverletzung als Ausdruck unbewusster, seelischer Konflikte ansehen, deren Ursprünge in der frühen Kindheit liegen (Eckhardt, 170).

Im Zentrum des psychoanalytischen Ansatzes steht die Bedeutung der frühen Kindheit, vor allem der Phase der Symbiose und der Ablösung von der ersten wichtigen Bezugsperson, in unserer Gesellschaft vorrangig die Mutter oder aber der Vater (Draijer, 129). Ist diese Symbiose nachhaltig gestört, etwa durch eine psychisch kranke oder stark überforderte Mutter, übernimmt das Kind häufig Elternfunktionen (Parentifizierung) und wird von der Mutter zur eigenen Stabilisierung instrumentalisiert. Durch diese Form der Kindesmisshandlung können kumulative Traumata entstehen, die die Dissoziation des Ich zur Folge haben können (Sachsse, 1989, 98). In der Interaktion mit der psychisch kranken und überforderten Mutter hat das Kind möglicherweise bereits auf dem Weg der ‚Affektansteckung’ ein depressives Lebensgrundgefühl erworben (Neppert). “Teile des Ich erfahren eine seelische Frühreifung, verbunden mit einer Flucht aus der Symbiose in die Autarkie. Andere Ich-Anteile bleiben in einer archaischen Abhängigkeit fixiert, suchen Einheit mit einem symbiotischen Mutterobjekt und erfahren so keine Entwicklung. Da durch die Traumatisierung der kindliche Reizschutz wiederholt durchbrochen wurde, ist das Körper-Ich in seiner Ausbildung besonders gestört. Entscheidend für die spätere Symptomatik ist, dass der Körper von Anfang an nicht ins Selbst integriert werden kann, dem er eigentlich zuzurechnen ist.” (Sachsse, 98)

Aufgrund der Integration guter und schlechter Bilder der Elternperson (für sorgliche und strafende Anteile) und eigener guter und schlechter Anteile wird im Normalfall die Fähigkeit erworben, Widersprüche und Ambivalenzen zu ertragen. Wenn aufgrund kalter und ablehnender Eltern sich das Kind subjektiv nicht von ihnen lösen kann, bleibt die Spaltung in gut und böse erhalten. Das Kind glaubt nicht, dass es selber böse sein darf und dennoch geliebt wird, es schafft sich aus narzisstischem Selbsterhaltungstrieb die Illusion einer liebevollen Elternperson und unterdrückt aggressive Gefühle gegen sie, ist überzeugt von der eigenen Schlechtigkeit. Diese Dynamik von Schuldgefühlen, Selbsthass, Depressionen und unkontrollierbarer Wut kann zu selbstzerstörerischen Tendenzen führen (Draijer, 129f.). “In der Selbstbeschädigung wird die Dynamik der Traumatisierung durch ein schädigendes Objekt reinszeniert und als Drama am eigenen Körper dargestellt” (Paar, 152). Weitere Ausführungen siehe Neppert.

Sexualisierte Gewalt als Sozialisationserfahrung sich selbst verletzenden Frauen

Sachsse weist in seinen Arbeiten immer wieder auf die hohe Prävalenz von Sexuellem Missbrauch in der Biographie von Selbstverletzungspatientinnen hin (Sachsse, 1987, 1989, 1995a + b). Sexualisierte Gewalt hat Auswirkungen auf die Sexualität und das Körpergefühl der Betroffenen. Der/die TäterIn benutzt den Körper des Kindes für die eigenen Bedürfnisse. Deshalb glauben sexuell missbrauchte Kinder oft, ihr eigener Körper sei Schuld an dem, was der/die TäterIn mit dem Kind getan hat. Sie glauben auch, den/die TäterIn (sexuell) körperlich gereizt zu haben. Aus der Sicht des Kindes entsteht dann ein Hassgefühl und Verachtung gegenüber dem eigenen Körper und das Bedürfnis, den Körper dafür zu bestrafen. Dies geschieht dann vor allem bei Mädchen durch Selbstverletzungen oder andere Formen von selbstzerstörerischen Verhaltens (Sucht, Essstörungen). Ein weiterer Aspekt kann in der Abspaltung des Körpers gesehen werden, erst durch die Selbstverletzung wird dieser dann wieder spürbar (Völkel, 106 ff.).

Feministische Ansätzen zur Erklärung Selbstverletzenden Verhaltens

Da Selbstverletzendes Verhalten vorrangig bei Frauen und Mädchen auftritt, ist es erforderlich, geschlechtsspezifische Entstehungs- und Ursachenkontexte in Betracht zu ziehen und zu analysieren. Viele AutorInnen benennen das Vorkommen sexualisierter Gewalt in der Entwicklungsgeschichte von Frauen und Mädchen mit selbstverletzendem Verhalten, reflektieren jedoch nur selten gesellschaftliche Hintergründe geschlechtsspezifischer Sozialisationsbedingungenund sexualisierter Gewalt.

Neben zahlreichen geschlechtsspezifischen Faktoren in der Sozialisation und Lebenswirklichkeit von Frauen und Mädchen6 möchte ich hier kurz auf den Umgang mit Aggression, Wut und Ärger eingehen. Hier bestehen sehr unterschiedliche Verhaltensnormen und gesellschaftliche Bewertungen zwischen Frauen und Männern, Mädchen und Jungen. Während Jungen und Männern eher außen-aggressive
„Aktivitäten“ zugestanden werden, wird dieses Verhalten bei Mädchen und Frauen gesellschaftlich nicht toleriert, oft sogar erheblich sanktioniert. Daher richten Frauen und Mädchen impulsive negative Gefühle viel häufiger gegen sich selbst. Verschiedene Formen der Autoaggressionen sind daher bei Mädchen und Frauen viel häufiger zu beobachten als bei Jungen und Männern.

V. Therapiemöglichkeiten bei Selbstverletzendem Verhalten

Verschiedene Ansätze zur Intervention und Behandlung von Selbstverletzendem Verhalten werden praktiziert. In manchen schwerwiegenden Fällen muss eine medizinische Intervention erfolgen, die auch Symptomunterdrückung z.B. durch Fixierung, Sitzwache und Verbote mit einschließen kann. Zum anderen gibt es sozialpädagogische und psychotherapeutische Angebote für Betroffene, um Selbstverletzendes Verhalten zu beeinflussen/verändern. Hierunter fallen Selbsthilfegruppen, Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Körpertherapie, Gestaltungstherapie, Gruppentherapie, familienorientierte und feministische Therapieansätze.

Medizinische Intervention bei Selbstverletzendem Verhalten zielt meistens darauf ab, durch Medikamente, Kontrolle und Fixierungen das Symptom „Selbstverletzung“ zu unterdrücken. Sachsse warnt jedoch davor, da Selbstverletzendes Verhalten durch Fixierung oder Verbote die Patientin in ihrem Handlungsrepertoire derart eingeschränkt ist, dass es zu psychosenahen optischen Halluzinationen (Sachsse, 1995, 43) oder zu einer Überflutung mit Deprivationserlebnissen (ebd., 123) kommen könnte, die an Horrortrips erinnerten und somit sehr problematisch sind. Aus meiner Sicht stellen sie eine erhebliche Grenzverletzung dar und können Ohnmachtgefühle erheblich verstärken

In Fällen erforderlicher akuter Wundbehandlung wird in der Literatur häufiger beschrieben, dass das medizinische Personal z.B. in Krankenhäusern häufig ablehnend bis ärgerlich-aggressiv reagiert und die Schnittwunden betroffener Frauen teilweise ohne Narkose genäht werden. Hinter diesem Verhalten steht auch oft die falsche Vorstellung, die Frauen würden das Selbstverletzende Verhalten aufgrund der hohen Schmerzerfahrung beim Nähen künftig nicht mehr wiederholen.

Bei schweren, eventuell lebensbedrohlichen Formen von Selbstverletzendem Verhalten besteht die Möglichkeit einer Zwangseinweisung und einer Fixierung, dies stellt jedoch das äußerste Mittel dar. Kriterien für eine Zwangseinweisung sind Suizidversuch, Alkoholisierung und Tabletteneinnahme (Sachsse, 1995a, 14). Zu bedenken ist dabei jedoch, dass es bei der Patientin zu einer Regression führen könnte, da diese die Verantwortung für sich selber abgibt. (ebd., 15f.). Aus der Sicht von Betroffenen erscheint die Zwangseinweisung als wenig hilfreich, da die Isolierung oder geschlossene Unterbringung als bestrafend empfunden wird und die Gefühle von eigener Isolation verstärken (Himber, 627).

Medikation bei Selbstverletzendem Verhalten wird von Sachsse eingeschätzt: “Solange es aber keine spezifisch wirksame Medikamentengruppe gibt, frage ich mich manchmal, ob die Medikation nicht überwiegend der allgemeinen Beruhigung dient: derjenigen der Patientin und derjenigen des Behandlungsteams” (Sachsse, 1995a, 30). In seiner langjährigen Erfahrungen mit SelbstverletzungspatientInnen schildert er, dass diese viel höhere Dosierungen von Psychopharmaka vertrügen und benötigten als andere PatientInnen. Da Selbstverletzendes Verhalten mit vielen verschiedenen emotionalen Symptombildungen assoziiert sei, würde eine vielfältige Medikation erforderlich sein (Sachsse, 1995a, 27f.).

Therapeutische Ansätze zur Beeinflussung von selbstverletzendem Verhalten verfolgen die Aufdeckung oder Lösung zugrunde liegender Konflikte und Probleme und die jeweilige Funktionen der Selbstverletzenden Verhaltensweisen für die Betroffenen. Das erfordert eine längere und kontinuierliche Arbeit mit den PatientInnen.

Die Psychodynamisch–Psychoanalytisch-orientierte Therapie hat zum Ziel, dass die Patientin ohne Selbstverletzendes Verhalten mit sich selbst und ihrem Körper umgehen, ihr Erleben aktiv befriedigender gestalten und die unabwendbaren Frustrationen und negativen Erfahrungen des Lebens ohne den Einsatz Selbstverletzenden Verhaltens zu verarbeiten (Sachsse, 1995a, 49).

Der feministische Therapieansatz wird hier kurz exemplarisch anhand der Methode der Psychotherapeutin Polina Hilsenbek dargestellt. Sie sieht Autoaggressionen und Selbstverletzung vor allem als Folge schwerer Gewalterfahrungen, die häufig sexueller oder sadistischer Herkunft sind (Hilsenbek, 1998, 104). Sie sieht in der Selbstverletzung nicht die „Störung“, sondern die Funktion der für die betroffene Frau besten Überlebensstrategie (ebd., 1996, 59). Ziel von Hilsenbek ist es nicht, diese Symptome oder Erfahrungen schnell verschwinden zu lassen, sondern die Frauen durch einen ressourcenorientierter Ansatz zum Lernen anzuregen, selbst zu bestimmen, wann, wo und in welchen Grenzen sie diese Erfahrungen zulassen wollen und wann nicht (ebd., 1992, 128). “In Gruppen, Selbsthilfegruppen und Einzeltherapie wird die Frau durch den feministischen Blick auf patriarchale Sozialisation vom Erleben des alleinig individuellen Versagens bei psychischen Störungen entlastet.” (Kost, 93)

Körpertherapien bei Selbstverletzendem Verhalten haben zum Ziel, Körperwahrnehmung und Körpererleben zu verbessern. Sie stellen eine sinnvolle Ergänzung anderer Therapieformen dar, da ein pfleglicher, fürsorglicher und lustvoller Umgang mit dem eigenen Körper intendiert ist. Außerdem soll durch Bewegung und Sport eine neue Möglichkeit der Spannungsabfuhr erlernt werden (Eckhardt, 205)

Die Gestaltungstherapie kann einzeln oder in der Gruppe nur als Ergänzung von anderen Therapien eingesetzt werden. Sie stellt eine Möglichkeit dar, auf nonverbaler Ebene Gefühle, Phantasien und Gedanken auszudrücken, indem mit verschiedenen kreativen Techniken und verschiedenen Materialien frei gearbeitet wird. Anschließend wird das Werk in der Therapie besprochen (Eckhardt, 1994, 194). Siehe hierzu auch den Beitrag von Gabi Lummas.

Verhaltenstherapie bei Selbstverletzendem Verhalten wird vor allem bei Selbstverletzungen von Menschen mit Behinderungen und im kinder – und jugendpsychiatrischen Bereich angewendet (Tantam & Whitakker, 458). Tantam und Whitakker äußern, dass die Methoden der klassischen Verhaltenstherapie nicht unbedingt auf Menschen mit Selbstverletzendem Verhalten anwendbar seien, da das Element „Bestrafung“ für die Beziehung zwischen MitarbeiterInnen und PatientInnen nicht förderlich sei. Außerdem werde Bestrafung nicht unbedingt als aversiver Reiz erlebt, da Bestrafung zum Teil in den Herkunftsfamilien als eine angenehmere, elterliche Reaktion erlebt worden wäre, als die sonst vorherrschende Indifferenz oder Gewalterfahrung. Auch könne aufgrund der Psychodynamik und eventueller masochistischer Tendenzen eine Bestrafung als Belohnung wahrgenommen werden. (Tantam & Whitakker, 458)

Kognitive Verhaltenstherapie kann helfen, die – vor allem bei Frauen – typischen, destruktiven Denkschemata über sich selbst, Selbstkritik, Selbstverurteilung und Selbstbestrafung abzubauen (Herpertz, 117)

Die familienorientierte Therapie sieht im Symptom des Selbstverletzenden Verhaltens den Ausdruck eines familiären Konfliktes, in dem die Betroffene eine stabilisierende Funktion für die Familie erfüllt, indem sie von den Problemen der übrigen Familienmitglieder ablenkt (Eckhardt, 187 ff.)

Selbsthilfegruppen für Frauen mit Selbstverletzendem Verhalten können einen wichtigen Beitrag leisten, das Gefühl der Isolierung abzubauen. 7

VI. Einige Grundsätze für die sozialpädagogische Arbeit mit sich selbst verletzenden Frauen

Auf der Ebene betroffener Frauen

  • Es ist wichtig, einen Zusammenhang zwischen dem individuellen Symptom des Selbstverletzenden Verhaltens und der geschlechtsspezifischen gesellschaftlicher Realität von Frauen herzustellen und bewusst zu machen.
  • Durch das Aufzeigen und Vorleben von alternativen Lebensmöglichkeiten (ohne Selbstverletzung) z.B. durch den Prozess einer positiven Identifizierung kann die Entstehung und Umsetzung neuer Lebensentwürfe gefördert und alte Muster überwunden werden.
  • Die Unterstützung und Förderung betroffener Mädchen und Frauen in der Aneignung autonomer Entscheidungen und Handlungen in möglichst vielen Bereichen sind sehr bedeutsam.
  • Eine umfangreiche Förderung des Bewusstwerdens und des Äußerns eigener Bedürfnisse und Gefühle soll in der sozialpädagogischen Arbeit und der Therapie erfolgen.
  • Die Wahrnehmung eigener Grenzen ist ebenso wichtig wie die Förderung von Beziehungskompetenzen und Methoden der Konfliktbewältigung und des Spannungsabbaus.

Auf der Ebene der professionellen HelferInnen

  • Gute Teamfähigkeiten sind Voraussetzungen um den Belastungen in der Arbeit mit selbstverletzenden Menschen entsprechen zu können.
  • Eigene Reflexionen und im Teamreflexionen über eigene Erfahrungen und Betroffenheit von selbstschädigendem Verhalten sind von Bedeutung für den Umgang mit SelbstverletzerInnen, ebenso wie die
  • Wahrnehmung und Reflexion eigener Gefühlsreaktionen auf Selbstverletzungen bei anderen.
  • Kontinuität und Verlässlichkeit in der Beziehung zu den PatientInnen sind ebenso wichtig wie die
  • ganzheitliche Wahrnehmung der Frauen mit Selbstverletzendem Verhalten und damit Vermeidung der Reduktion auf dieses Symptom.
  • Die Anerkennung des Selbstverletzenden Verhaltens als Symptom bzw. überlebensstrategie der Frauen ist hilfreich, damit sich die Frau akzeptiert fühlen kann und in ihrer Suche nach veränderten Umgang damit unterstützt werden kann.
  • Parteilichkeit für die Frauen und Mädchen ist die Grundhaltung für feministische Therapieangebote.

VII. Ausblick

Es werden weitere Forschungen erforderlich sein, im Hinblick auf Ursachen, Wirkungsweise und Erfolge verschiedener therapeutischer Angebote und Interventionen, aber auch insbesondere im Hinblick auf Früherkennung und Prävention. Hierfür halte ich Fortbildungsangebote für PädagogInnen und KinderärztInnen für besonders erfolgversprechend, da sie außerfamiliale Schnittstellen der Früherkennung und Intervention sein könnten, die selbstverletzende Verhaltensweisen schon im Anfangsstadium erkennen und eine Intervention in Form von sozialer Arbeit oder Therapie bewirken könnten.

Fußnoten

 

1 Dieser Beitrag orientiert sich stark an einer Diplomarbeit von Doris Neppert mit dem Titel: „Selbstverletzendes Verhalten bei Frauen. Erklärungsansätze und Konsequenzen für die soziale Arbeit.“

 

2 “Im Zustand der Depersonalisation wird das eigene Selbst als ‚ verändert’ wahrgenommen. Seelische Vorgänge, Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Handlungen werden nicht mehr als zum Ich, bzw. zum Selbst gehörig, sondern als fremd, sonderbar, verändert erlebt. Das eigene Tun erscheint abgespalten, mechanisch, automatenhaft. Häufig ist der Körper in besonderer Weise einbezogen. Der ganze Körper oder Körperteile werden als unwirklich, als nicht mehr zum Körperselbst zugehörig erlebt. Einzelne Körperteile erscheinen verändert, viel größer/kleiner, viel dünner/dicker, wie taub, wie tot, wie abgestorben. Die Sinneswahrnehmungen, wie das Hören, das Sehen, das Tast – und Berührungsempfinden können gestört sein, ebenso wie allgemeine Körpergefühle, Appetit, Hunger und Durst.” (Eckhardt & Hoffmann, 268) Die AutorInnen beschreiben Depersonalisationen als eine Überlebensstrategie von sexuellen Missbrauchserlebnissen in der Kindheit und sehen hierin einen möglichen Zusammenhang zur Selbstverletzung (ebd., 293).

 

3 Bei der Derealisation wird die Außenwelt (äußere Objekte) als fremd, verändert, wie hinter einer Glaswand wahrgenommen. Depersonalisation und Derealisation treten in 50 % der Fälle gemeinsam auf.” (ebd., 268)

4 Hierauf soll wegen der Spezifizität nicht weiter eingegangen, sondern auf Fachliteratur verwiesen werden (Neppert).

5 Nähere Ausführungen hierzu siehe Neppert.

6 Siehe hierzu May, Angela: Nein ist nicht genug. Ruhnmark, 1997

7 Zur Kritik verschiedener Therapierichtung siehe Neppert

Literatur

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  • Neppert, Doris: Selbstverletzendes Verhalten bei Frauen. Erklärungsansätze und Konsequenzen für die soziale Arbeit. Diplomarbeit im Studiengang Sozialwesen an der Fachhochschule Kiel, 1998
  • DSM – III – R (Diagnostic and statistical manual of mental disorders): Weinheim, 1989
  • Eckhardt, Annegret & Hoffmann, Sven Olav: Depersonalisation und Selbstbeschädigung. In: Zsch.psychosom. Med., 1993 (9 : 284 – 306)
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