Dissoziative Identitätsstörung als eine mögliche Folge sexualisierter Gewalt

Dissoziative Identitätsstörung sind vielfältig in ihrer Ausdrucksform und in ihrer Wirkung auf die eigene Person und/oder auf deren soziale Umwelt. Dissoziative Identitätsstörung können EINE Folge sexualisierter Gewalt sein.

Eine kurze Einführung…

Ist eine Person z.B. seit frühester Kindheit immer wiederkehrenden, stark emotional und/oder körperlichen Belastung ausgesetzt, die außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegt, entsteht möglicherweise ein Trauma, wenn es für das Kind keinerlei Schutz- oder Hilfsangebot gibt.  Infolge dieses immer wiederkehrenden Traumas, kann es zu psychischen Abspaltungsreaktionen kommen.

Tritt ein Trauma wiederholt oder fortwährend immer wieder auf, wie z.B. bei Sexuellem Missbrauch oder schwerer körperlicher und/oder seelischer Misshandlung, kann es zu einer Dissoziativen Störung kommen, zu der auch die Dissoziative Identitätsstörung gehört. Sie ist der dramatische Ausdruck einer Bewusstseinsveränderung, von der nach gegenwärtigen Erkenntnissen zu einem großer Prozentsatz Frauen betroffen sind (Michaela Huber, 1995, 40). Huber nennt weitere Umstände, die zusammenfallen, damit sich die Dissoziative Identitätsstörung entwickelt.

  1. Die Person wurde in ihrer Kindheit über einen langen Zeitraum von nahen Bezugspersonen schwer misshandelt oder sexuell missbraucht.
  2. Die Person muss in der Lage sein, gut dissoziieren zu können, dass heißt, sie muss in der Lage sein, zusammengehörige Dinge im Bewusstsein voneinander zu trennen (Dissoziation ist das Gegenteil von Assoziation” (Michaela Huber, 1995, 46).

Ist diese Trennung nicht mehr rückgängig zu machen, entstehen Erinnerungslücken, so genannte amnestische Barrieren. Ein Beispiel: Ein Mädchen mag den Vater sehr, wird aber von ihm vergewaltigt. Der Vater mag das Mädchen nur dann, wenn sie sich wie ein Junge benimmt; wenn sie weint, schlägt er sie. Während der Vergewaltigung, phantasiert sie sich in die Person eines Jungen, weil sie glaubt, dann den Wünschen des Vaters mehr zu entsprechen, weil dieser jungenhaftes Verhalten mag und einem Jungen vermutlich keine Vergewaltigung antun würde.

Wiederholen sich diese Zusammenhänge, kann es dazu führen, dass sich das Mädchen immer mehr und häufiger in die Person eines Jungen hineinversetzt, dieser einen Namen gibt und sich in den traumatischen Situationen in diesen Jungen ‘verwandelt’, um sich dem physischen und psychischen Trauma zu ‘entziehen’ (vgl. ebd. 43ff.). Die Psyche weicht aus und denkt: ‘Das passiert nicht mir!’, weil sie sich nun in einen Jungen ‘geswitched’ („verwandelt”) hat (ebd. 51). Durch Dissoziationen ziehen sich Personen aus traumatisierenden Situationen und Erlebnissen vor allem dann zurück , wenn existentielle Gefahr Für das Bewusstsein besteht, wenn sie Fürchten müssen, dass es zum Zusammenbruch kommt (ebd. 48). Somit stellt die Dissoziation eine selbst rettende Maßnahme Für das Individuum dar. Es ‘flüchtet’ in neue Persönlichkeiten, mit anderer Identität, neuem Namen, eigenen sozialen Beziehungen und Verhaltensmustern. Durch Forschungen wurden sogar typische Gehirnwellenaktivitäten, spezifische Allergiereaktionen und Krankheiten Für einzelne ‘Personen’ einer multiplen Persönlichkeit festgestellt (ebd. 54). Im Laufe der Zeit kann es passieren, dass die bewussten Zusammenhänge zwischen der Vergewaltigung und der ‘Verwandlung’ nicht mehr erinnert werden. In bestimmten Situationen findet dieser ‘Personen-wechsel’ nun automatisch statt (ebd. 43). Bezogen auf das oben genannte Beispiel, in typisch männlich attribuierten Situationen wie, z.B. beim Ballspielen. Drittens: Dem misshandelten und/oder missbrauchten Kind wird nicht geholfen. Wenn das betroffene Kind (meist Mädchen), keinerlei Hilfe, Unterstützung oder Zuwendung erfährt, quasi auf sich allein zurück geworfen ist, dann muss sich das Kind selbst helfen, um an dem Trauma nicht verrückt zu werden, und dann ist Dissoziation die einzige Möglichkeit, der Situation zu entweichen (ebd. 56).

Dissoziationen können dazu führen, dass mehrere Persönlichkeiten entstehen, manchmal sogar Dutzende. Dabei werden häufig ‘Personen’ mit unterschiedlichen Funktionen und unterschiedlichen Geschlechts herausgebildet: Das ‘brave’ Mädchen, der nicht missbrauchte Junge, eine täteridentifizierte Person (die z.B. Gewalt gegenüber anderen oder Tieren ausüben), eine Beobachterperson, eine Helferperson, eine Person, die das Trauma kennt und die ‘Gastgeberperson’, die am häufigsten nach ‘außen’ hin erscheint (ebd. 57f.) Die Entwicklung einer multiplen Persönlichkeit stellt somit eine wichtige Überlebensstrategie Für Betroffene extremer (sexueller) Gewalt dar und kann Mädchen und Jungen helfen, mit der außergewöhnlichen Lebenssituation zurechtzukommen und ihre Psyche vor Zerstörung zu schützen. “Irgendwie konstruieren diese missbrauchten Kinder sich eine andere Wirklichkeit und leben sich darin so ein, dass sie zum Ersatz der tatsächlichen Realität wird” (Zimbardo,1992, 512f.). Dissoziative Störungen bedeuten jedoch nicht, dass sich automatisch eine Dissoziative Identitätsstörung entwickelt. (aus: Angela May, Nein ist nicht genug. Ruhnmark 1997.)

Erwähnte Literatur:

  • Zimbardo, Philip: Psychologie. Berlin. Heidelberg. 1992. Huber, Michaela: Multiple Persönlichkeiten. überlebende extremer Gewalt. Frankfurt/Main. 1995.
  • Fegert, Jörg: Professionelle HelferInnen und die sexuelle Gewalt gegen Kinder. Unveröffentlichter Vortrag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft Für Verhaltenstherapie. Februar 1994.
  • Wolf, Naomi: Der Mythos Schönheit. Reinbek. 1993.
  • Van Outsem, Ron: Sexueller Missbrauch an Jungen. Ruhnmark. 1991.

Hier gibt es weitere Hilfe oder Informationen:

http://www.dissoc.de

http://www.dissoid.de Banner

www.dissoziation.de

http://www.dissoc.de/vielfalt/vielf.htm

http://www.diss-tanz.de